Aktuelle Neuigkeiten zu den Forderungen

Der ORF und die österreichische Filmwirtschaft – ein Wechselbad der Gefühle

Beitrag der ÖVP-Kultursprecherin Silvia Fuhrmann in den „Österreichischen Monatsheften“

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist einmal mehr Gegenstand politischer Diskussionen. Mangelnde Publikumsakzeptanz, Finanzprobleme, fehlende Konzepte für die Zukunft und Vernachlässigung des öffentlich-rechtlichen Auftrags charakterisieren die aktuelle Situation des ORF. Besonders schmerzvoll in diesem Zusammenhang ist der Umgang des ORF mit seinem „Kulturauftrag“ und der zu Unrecht als Stiefkind behandelten österreichischen Filmwirtschaft.

Österreich ist jenes Land Europas, in dem es erst sehr spät – siebzehn Jahre nach Deutschland und sechs Jahre nach Albanien – zur Liberalisierung im Rundfunkbereich kam. Die Bundesregierung unter Wolfgang Schüssel ermöglichte 2001 privaten Fernsehanbietern den Markteintritt. Auf Grund dieser späten Öffnung des Fernsehmarktes hat der ORF nach wie vor eine überaus dominante Marktstellung, welche unverkennbar Auswirkungen auf die gesamte Medienbranche und Zulieferindustrie hat.
Die duale Rundfunkordnung – das Nebeneinander von öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk – ist in vielen westeuropäischen Ländern die Norm. Aufgabe der Politik ist es in diesem Zusammenhang, für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen, damit sich Medienvielfalt, Presse- und Medienfreiheit sowie ein fairer Wettbewerb entwickeln können. Um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinem Bestand zu sichern, hat der österreichische Gesetzgeber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bereits vor vielen Jahren die Möglichkeit eingeräumt, sich über Programmentgelt bzw. Gebühren sowie kommerzielle Werbung zu finanzieren. Dies ist im internationalen Vergleich längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Frankreich, Spanien und Kroatien zum Beispiel sind dazu übergegangen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausschließlich über Gebühren zu finanzieren und so die Rundfunkanstalten vom Druck des (Werbe-)Marktes zu befreien. Nichts desto trotz stellt die Finanzierung über Gebühren und Werbung einen beachtlichen Vorteil für den ORF gegenüber den Privaten im Wettbewerb dar.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird dies in besonderem Ausmaß bewusst. Private Anbieter, die sich ausschließlich über Werbung finanzieren, kommen immer mehr unter Druck, der ORF hingegen hat mit jährlich 527 Mio. Euro an Programmentgelt nahezu eine Bestandsgarantie. Um diese staatlichen Beihilfen, wie die Rundfunkgebühren von der Europäischen Union qualifiziert werden, zu rechtfertigen, hat der ORF einen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen. So heißt es zum Beispiel im ORF-Gesetz (§4 Abs. 1 Z.6) dass der ORF „ein differenziertes Gesamtprogramm aus Information, Kultur und Unterhaltung anbieten“ sollte. Betrachtet man ORF1 oder Ö3 ist allerdings von der Verwirklichung dieses Auftrags nicht viel zu bemerken. Experten sind sich einig, dass es sich bei den genannten Angeboten um rein kommerziell ausgerichtete Angebote handelt, die lediglich US-amerikanische Kaufware abspielen. Eine aktuelle Erhebung der Rundfunk- und Telekom Regulierungs-GmbH zeigt, dass sogar heimische private Angebote einen höheren Nachrichtenanteil aufweisen als ORF1. Trauriges Detail am Rande: In vielerlei Hinsicht hat sich die Quotenjagd bereits als Flop (Stichwort „größte Programmreform aller Zeiten“) herausgestellt und scheint in keiner Weise Erfolge zu bringen. Jüngstes Beispiel für das Handeln gegen den eigenen (Kultur-)Auftrag ist die Suche nach dem „neuen Pokerface“ – gemeinsam mit den Casinos Austria wird eine neue Pokersendung (sic!) seit Mitte September beworben.

Ob er will oder nicht, aber mit diesem Kurs ist der ORF an einem Punkt angelangt, an dem seine Glaubwürdigkeit als öffentlich-rechtliches Medium und österreichischer Kulturträger massiv in Frage gestellt wird. Dieser Umstand erscheint besonders paradox, wenn man bedenkt, dass gerade österreichische Spielfilme, Serien und Dokumentationen bei den Gebührenzahlern zu den beliebtesten Programmen zählen. Dennoch ist es so, dass die ORF-eigenen Aufwendungen für österreichische TV-Serien, Fernsehfilme und Dokumentationen nur 4 % des Umsatzes ausmachen. Anders gesagt: der Gebührenzahler bekommt nicht einmal einen österreichischen Film pro Monat zu sehen. Stattdessen wird analog zu den privaten Sendern more of the same geboten. Das Motto muss lauten: wo ORF darauf steht muss Österreich drinnen sein!

Im europäischen Vergleich liegt der ORF beim nationalen Anteil ausgestrahlter Fiktion mit nur 2,2 % an vorletzter Stelle. Lediglich Luxemburg, das gar keine Fiktion sendet bzw. dessen Rundfunksystem nicht vergleichbar ist, liegt hinter Österreich. In vergleichbar großen Ländern wie Schweden, Norwegen oder Finnland sind die Anteile mehr als doppelt bis viermal so hoch; in großen Staaten wie Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich sind die Anteile sechs bis dreizehn Mal höher.

Nur 0,64 % des gesamten Programms von ORF 1 und ORF 2 entfallen auf österreichische Spielfilme und TV-Serien. Inklusive der Dokumentationen sind es maximal 1,68 %. Da mutet es fast wie Hohn an, wenn fertige Produktionen in der Höhe von ca. 60 Mio. Euro aus Bilanzierungsgründen nicht gesendet werden.
Angesichts des negativen ORF-Finanzergebnisses von ca. 80 Mio. Euro im Jahr 2008 und eines prognostizierten Minus von rund 50 Mio. Euro für das laufende Jahr ist eine Strukturreform des ORF dringend erforderlich. Hier ist in erster Linie die ORF-Geschäftsführung gefordert. Eine nachhaltige Sanierung des ORF kann nur über eine umfassende Strukturreform erreicht werden und nicht beim Programm auf Kosten des Produktes ansetzen.

In diesem Zusammenhang wäre es daher völlig falsch, auf Kosten der österreichischen Filmwirtschaft, welche ein Quotengarant für den ORF ist, zu sparen. Die beabsichtigte Streichung des Film/Fernseh-Abkommens – was ein vergleichsweise geringes Sparpotential von 5 Mio. Euro bedeuten würde – und die Kürzung des Volumens für Auftragsproduktionen wären fatal.

Audiovisionsindustrie ist eine Wachstumsbranche

Die österreichische Filmwirtschaft ist mit rund 2.300 Unternehmen und 2.500 direkt Beschäftigten (rund das Doppelte sind indirekt beschäftigt) ein prosperierender Wirtschaftszweig. Es ist ein stetes Wachstum zu beobachten und der Marktanteil konnte in den letzten Jahren sogar verdreifacht werden. Der Jahresproduktionswert liegt bei rund 135 Mio. Euro. Um dieses Potential zu nutzen, wird seitens der ÖVP derzeit an einem Produktionsanreizmodell gearbeitet, das darauf basiert, ausländische, meist größere Kinoproduktionen ins Land zu holen, welche bestimmte Auflagen erfüllen müssen, um einen österreichischen Mehrwert zu generieren.
Der sogenannte Österreichische Filmförderungsfonds (ÖFFF), welcher nach dem Modell des Deutschen Filmförderungsfonds etabliert werden soll, wurde im Frühjahr dieses Jahres von ÖVP-Klubobmann Kopf bei einem Branchentreffen präsentiert. Die ministeriellen Verhandlungen zu diesem starken Investitions- und Produktionsanreizmodells befinden sich im Endstadium, sodass der Fonds im kommenden Jahr operativ tätig werden kann.

Die Erfolge und Unterstützung der österreichischen Filmschaffenden genießen in der ÖVP – im Gegensatz zu anderen Parteien in Österreich – besonderen Stellenwert. Gerade in den vergangenen Jahren hat die Volkspartei auf diesem Sektor viel Positives bewirkt: die Novelle des Filmförderungsgesetzes 2004, die Einführung des RTR-Filmförderungsfonds und die sukzessive Erhöhung des ÖFI. Nun tritt sie klar für die gesetzliche Verankerung des Film/Fernsehabkommens im ORF-Gesetz und die Etablierung des Österreichischen Filmförderungsfonds ein. Die jüngsten Versuche des ORF die Filmwirtschaft für eine Gebührenrefundierung seitens des Bundes vor den Karren zu spannen, ist eine klare Absage zu erteilen. Das Ausspielen verschiedener Interessensgruppen kann nicht im Interesse der österreichischen Gesellschaft sein.

Es liegt daher einmal mehr am ORF-Management – und nicht an der Filmwirtschaft – die Weichen für die Zukunft zu stellen: die Förderung der heimischen Kreativen ist eindeutig integraler Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Einsparungen oder das Aufbauen von dramatischen Szenarien wie der Einstellung des Rundfunksymphonie Orchesters sind nicht der Weg den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nachhaltig zu sichern und zu legitimieren. Die ÖVP hat sich klar positioniert und die Eckpunkte für eine Reform aufgezeigt. Die SPÖ täte gut daran, sich mit den Zukunftsfragen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auseinanderzusetzen.

EU beendet Verfahren gegen ORF

Mehr Auflagen und Kontrollen

Die EU-Kommission schließt das Wettbewerbsverfahren zu ORF ab. "Die Europäische Kommission ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Finanzierungsregelung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter ORF nach entsprechenden Zusicherungen Österreichs nunmehr mit den EU‑Beihilfevorschriften im Einklang steht.", heißt es seitens der Kommission.
EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes: "Ich bin davon überzeugt, dass mit den von Österreich angebotenen Zusicherungen einerseits die notwendigen Voraussetzungen für einen hochwertigen öffentlich-rechtlicher Rundfunk geschaffen und andererseits gerechte Ausgangsbedingungen in diesem Sektor aufrechterhalten werden." Gleichzeitig muss sich die Gebühren-Finanzierung des ORF aber „auf das zur Erfüllung seiner öffentlich rechtlichen Aufgaben erforderliche Maß beschränken", die kommerziellen Tätigkeiten müssten "strikt" von dessen öffentlich-rechtlichen Tätigkeiten getrennt werden, erklärte die Kommission am Mittwoch.

Neue Medienaufsicht-Behörde
"Der öffentlich-rechtliche Auftrag wird dadurch präzisiert, dass zusätzliche Kriterien für die Erbringung neuer Mediendienste eingeführt werden. Österreich wird eine neue Medienaufsicht einrichten, die überwachen wird, inwieweit der ORF den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt. Wenn der ORF neue Mediendienste einführen will, muss er die entsprechenden Vorschläge der Medienaufsicht unterbreiten. Die Medienaufsicht wird daraufhin eine öffentliche Konsultation durchführen, um den Mehrwert dieser Dienste für die österreichische Gesellschaft sowie deren Auswirkungen auf den Markt zu prüfen. Dabei haben die Bürger und andere Marktteilnehmer Gelegenheit, zu den vom ORF geplanten neuen Medienangeboten Stellung zu nehmen", heißt es in einer Aussendung am Mittwoch.

Präzisierung des öffentlich-rechtlichen Auftrags
Österreich hat nun zwölf Monate Zeit, die Zusicherungen umzusetzen. Weiters erhält der ORF Vorgaben zu Sportrechten und -programmen, zu neuen Spartenprogrammen sowie zu neuen Online-Diensten. Kommission: "Die neue Medienaufsicht wird nicht nur überprüfen, inwieweit der ORF seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt, sondern auch dafür Sorge tragen, dass der ORF für die Erbringung seiner öffentlich-rechtlichen Tätigkeiten keinen überhöhten finanziellen Ausgleich erhält. Der ORF wird dazu verpflichtet, nicht genutzte Sportrechte Dritten in Sublizenzierung anzubieten. Außerdem wird sich der Kanal ORF Sport Plus auf Sportarten konzentrieren, denen in der österreichischen Medienberichterstattung kein breiter Raum zukommt.
Bei den neuen Spartenprogrammen für Information und Kultur werde im Rahmen einer Vorabprüfung untersucht, "welchen Mehrwert sie haben und wie sich möglicherweise auf den Markt auswirken werden". Die Programmgestaltung der bestehenden Fernsehkanäle ORF1 und ORF2 werde weiters Gegenstand einer laufenden internen Qualitätskontrolle sein. "Außerdem können bei der neuen Medienaufsicht Beschwerden eingereicht werden", so die Kommission.
Grünes Licht gab es für die geplante "TVthek": Öffentlich-rechtlich relevante Sendungen dürfen künftig sieben Tage lang online abrufbar sein. Hierfür braucht es keine Vorabprüfung, allerdings ist dann auch keine Online-Werbung erlaubt. Ansonsten muss sich der ORF im Onlinebereich auf öffentlich-rechtliche Angebote beschränken und darf den Onlineportalen von heimischen Zeitungen keine Konkurrenz machen. Es gibt außerdem eine Ausschlussliste, mit der etwa das Angebot von Klingeltönen, Glücksspielen, Partnerbörsen, Preisvergleichen etc. verboten wird.

Keine Einwände gegen Gebührenfinanzierung
Am Finanzierungssystem des öffentlich-rechtlichen Senders hatte die EU grundsätzlich nichts zu kritisieren. Laut der Einigung muss das Programmentgelt künftig alle fünf Jahre neu festgesetzt werden. Die Höhe wird wie bisher ORF-intern vom Generaldirektor vorgeschlagen und vom Stiftungsrat beschlossen. Neu ist eine Prüfung der Gebührenhöhe durch die Regulierungsbehörde. Neu ist auch, dass der ORF innerhalb von zwei Finanzierungsperioden, also maximal zehn Jahren, Verluste gegen Gewinne gegenrechnen darf.

(Zitiert: Der Standard)

Ö-Film-Erfolg: Über eine Million Zuschauer sahen 2009 heimische Filme im Kino

Verankerung des Film/Fernsehabkommens im neuen ORF-Gesetz soll den Erfolg prolongieren

Der österreichische Film hat im eigenen Land erstmals mehr als eine Million Kinobesucher im Jahr erreicht. Bereits Ende Oktober wurde die magische Grenze "bei weitem überschritten", teilte das Österreichische Filminstitut (ÖFI) am Mittwoch mit, obwohl heuer noch weitere Kinostarts anstehen. "Für uns ist das ein fantastischer Erfolg", so ÖFI-Direktor Roland Teichmann. Besonders erfreulich sei, so Teichmann, dass diese Marke nicht nur durch einen starken Film, sondern durch eine breite Vielfalt erreicht worden sei. Zu den erfolgreichsten österreichischen Filmen 2009 gehören die Filmfortsetzung der Mundl-Geschichten "Echte Wiener - Die Sackbauer Saga" mit mehr als 370.000 Besuchern seit Kinostart und die Wolf Haas-Verfilmung "Der Knochenmann" mit mehr als 260.000 Besuchern. Für Stefan Ruzowitzkys Kinderfilm "Hexe Lilli" wurden mehr als 176.000 Kinokarten verkauft.
Diese Vielfalt sei jedoch in Gefahr, heißt es in der Aussendung weiter, da der ORF das sogenannte Film/Fernseh-Abkommen zur Kinofilmförderung auslaufen lassen wolle. "Ich möchte noch einmal betonen, wie entscheidend ein klares Bekenntnis des ORF zum österreichischen Kinofilm ist", fordert Teichmann. Das Abkommen müsse daher - entsprechend der Forderung der Österreichischen Filmwirtschaft - dringend gesetzlich verankert und mit zehn Millionen Euro jährlich wertgesichert fixiert werden.

Film: "Für mehr als eine Handvoll Euros"

Cannes, Viennale, Oscar-Zittern: Der österreichische Film hat wieder Saison. Und die Branche? Fürchtet sich vor dem ORF-Ausfall und hofft auf eine neue Förderung, die klarmacht, dass Filmemacher mehr als Bittsteller sind. Nämlich ein Wirtschaftsfaktor. Ein Beitrag von Marlene Mayer und Ulrike Weiser in der Sonntags-Presse vom 18.Oktober 2009

„Filmwunder Österreich“: Das viel strapazierte Schlagwort hört man oft und demnächst noch öfter. Denn wieder einmal läuft es gut für den heimischen Film: Michael Haneke hat zuletzt in Cannes gewonnen. Das Wiener Filmfestival Viennale, das kommende Woche startet, eröffnet erstmals mit einer österreichischen Produktion („La pivellina“). Und im Jänner darf man erneut freudig zittern: Gelingt Arash T. Riahi mit „Ein Augenblick Freiheit“ eine Nominierung für den Auslands-Oscar?
Eine spannende Frage, an die sich eine noch spannendere knüpft: Wie viele Preise braucht es eigentlich, bis man anerkennt, dass Film nicht nur ein (wenn auch notorisch unterschätztes) Kulturgut ist, sondern Dreharbeiten trotz Förderung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind? Tatsächlich mehren sich seit den Neunzigern, als sich Österreicher im internationalen Festivalzirkus etablieren konnten, nicht nur die Preise. Laut dem Österreichischen Filmförderungsinstitut (ÖFI) sind in den vergangenen acht Jahren auch die Umsätze der gesamten Filmproduktion (Kino, TV, Werbung etc.) inflationsbereinigt um 50 Prozent gestiegen – auf 351 Mio. Euro für den Zeitraum 2007/2008. Ebenfalls gewachsen ist der Marktanteil von österreichischen Filmen im Kino: von mageren zwei auf sieben Prozent im Vorjahr. Für 2009 rechnet ÖFI-Leiter Roland Teichmann gar mit einem „zweistelligen Anteil“. Die wahre Überraschung könnte aber Ende des Jahres verkündet werden: Spät, aber doch soll Österreich eine Filmförderung mit ökonomischem Schwerpunkt bekommen, wie sie im restlichen Europa längst üblich ist. Denn, sagt Teichmann: „Filmproduktionen sind wie ein Wanderzirkus, sie gehen dorthin, wo es Geld gibt.“
Cruise und Diaz. Im Wirtschaftsministerium wird derzeit deshalb an einer Variante des Rabattmodells des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) gearbeitet. Der jährlich mit 60 Mio. Euro dotierte DFFF erstattet, grob gesagt, einen Teil der in Deutschland ausgegeben Produktionskosten zurück, wenn die Produktion gewisse Kriterien (Beschäftigung deutscher Mitarbeiter etc.) erfüllt. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Laut DFFF wurde im Endeffekt das Sechsfache (!) der Fördersumme in Deutschland ausgegeben. Ähnliches erhofft man auch für Österreich. Freilich: „Hollywood-Produktionen werden uns trotzdem nicht die Türe einrennen“, sagt Teichmann, „aber vielleicht gibt es eine pro Jahr.“ Bis dato steht allerdings weder die Fördersumme fest – die österreichische Wirtschaftskammer wünscht sich 20 Mio. Euro –, noch kann man den Multiplikatoreffekt 1:1 umlegen. Vielmehr geht man bei der Wertschöpfung eines Filmes hierzulande vom Dreifachen der Herstellungskosten aus. Das Geld fließt schließlich in Arbeitsplätze, Subaufträge an Dienstleistungsfirmen, Transport und Unterbringung, auch das Image des Drehorts profitiert. Die gesamte Wertschöpfung exakt aufzuschlüsseln sei aber unmöglich, sagt Peter Zawrel, Chef des Filmfonds Wien, denn: Welche Kaufimpulse ein Film beispielsweise auslöst, lässt sich weder abschätzen noch seriös abrechnen. Als Erfahrungsbeispiel verweist Zawrel lieber auf den „territorialen Filmbrancheneffekt“, den der Filmfonds Wien einfordert: Demnach muss die geförderte Summe zu 100 Prozent in Wien ausgegeben werden: „Aus den Endabrechnungen wissen wir aber, dass es meist 250, im Höchstfall sogar 900 Prozent sind.“
Früher als das Wirtschaftsministerium erkannte der Tourismus das Wertschöpfungspotenzial: Mit 300.000 Euro lockt die Salzburger „StandortAgentur"(zuständig für die Förderung des kommerziellen Films) aktuell „The Unkown Wichita Project“, so der Arbeitstitel eines Films mit Tom Cruise und Cameron Diaz, in die Stadt. Ende November, Anfang Dezember sollen die Dreharbeiten starten und werden Salzburg – so ist es im Vertrag festgelegt – 1,2 Mio. Euro bringen (den Werbeeffekt von bis zu 20 Minuten Salzburgkulisse im Leinwandformat nicht eingerechnet). Der Hauptteil der Ausgaben entfällt jedoch auf Hotelübernachtungen, Fuhrpark, Sicherheit. Dinge, die mit der Filmbranche nicht wirklich viel zu tun haben.
Tom und Cameron – gut und schön, aber „strukturbildend“, wie das Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands der Audiovisions- und Filmindustrie nennt, ist derlei nicht. Beim Rabattmodell, das natürlich auch heimische Filmemacher in Anspruch nehmen sollen, soll das anders sein: Man hofft, dass die ansässige Filmbranche Aufträge lukriert und es zu Know-how-Transfer kommt. Noch mehr Möglichkeiten gäbe es, sagt Teichmann, hätte Österreich ein großes Filmstudio. Das aber fehlt nach wie vor.
Ein Problem namens ORF. Und es ist nicht das Einzige, was man vermisst. Denn das neue Rabattmodell kann nicht über das große Problem der Branche hinwegtäuschen, das auch jede Krisen-Diskussion verdrängt: den ORF. Dessen marode Finanzen sind aus zwei Gründen gefährlich. Erstens: Das Film- und Fernsehabkommen, mit dem der ORF Kinofilme fördert (5,9 Mio. Euro pro Jahr), wackelt. Ob und wie hoch man es künftig dotieren könne, sagt ORF-Sprecher Pius Strobl, werde sich erst mit dem Budgetvorschlag Mitte November entscheiden. Zweitens: Der ORF wird seine gesamten Aufträge für Serien, Shows, Dokus oder TV-Filme, von denen die Branche stark abhängig ist (Auftragsvolumen heuer: über 90 Mio. Euro), einschränken. Massiv einschränken? „Definieren Sie massiv“, sagt Strobl. Ab minus 25 Prozent. „Dann wird es massiv.“ „Wenn der ORF das Budget für Fernsehfilme weiter kürzt, haben wir ein echtes Problem“, meint Produzent Helmut Grasser (Allegro Film), „das hätte dramatische Auswirkungen auf die ganze Branche. Denn die meisten Arbeitsplätze, das Alltägliche passiert im Bereich der Fernsehfilme.“
Im Verein „Film Austria“ wollen sich die Produzenten gegen die Einsparungen wehren. Sprecher und Anwalt Alfred Noll sagt: „Wir wollen, dass der ORF im Rahmen des Film- und Fernsehabkommens zehn Millionen Euro pro Jahr in Film investiert. Weiters sollte eine finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierung nur zweckgebunden vergeben werden. 25 Prozent des Programmbudgets sollten in die Produktion österreichischer Filme, Serien und Dokus fließen. Da wird es eine Quotenregelung brauchen.“
Dominoeffekt. Auswirken würde sich ein ORF-Ausfall auch auf den Fernsehfonds der Rundfunk- und Fernsehfilmregulierungs Gmbh (RTR), der auf dem TV-Sektor – ähnlich wie der geplante Rabatt im Kinobereich – einen Anreiz für ausländische Koproduktionen schafft. Jedoch nur, wenn 50 Prozent vom Inland bezahlt werden. Bislang haben der RTR 20 und der ORF 30 Prozent beigesteuert. Fällt der ORF aus, brechen – dominogleich – auch die ausländischen Partner weg. Eventuell, vermutet Teichmann, werden TV-Regisseure und Produzenten deshalb nun in Richtung Kino(förderung) drängen. Im Durchschnitt ist jeder österreichische Kinofilm zu achtzig Prozent gefördert. Klingt viel, ist aber in ganz Europa so. Denn um die Herstellungskosten einzuspielen, bräuchte ein Film etwa zwei Millionen Besucher. Und das gelingt selbst großen Ländern wie Deutschland und Frankreich nur selten.
Ganz normaler Filmalltag. Insgesamt (inkl. ORF, RTR) wurden 2008 über 42 Mio. Euro an Förderungen zugesagt. Bei einem Kinofilm teilen sich ÖFI und Bundesländerfonds in der Regel 80 Prozent, 20 Prozent sollten vom ORF kommen. Die Einreichung ist ein langwieriger Prozess, wie das Beispiel von Arash T. Riahi zeigt: 2003 reichte Riahi „Ein Augenblick Freiheit“ zur Drehbuchförderung ein und wurde abgelehnt. 2004 kam es zur Projektentwicklung, und 2006 gab es die Zusage zur Herstellung: Mit 3,5 Mio. Euro ist „Ein Augenblick Freiheit“ eines der teuersten heimischen Spielfilmdebüts. Im Schnitt liegen zwischen Projektentwicklung und Herstellung sechs bis achtzehn Monate. Europäischer Standard, sagt Zawrel. Regisseure klagen dennoch häufig über das „Loch“ in das sie zwischen den einzelnen Produktionen fallen – Drehpausen von bis zu zwei Jahren sind durchaus üblich. „Stimmt“, so Zawrel, „aber das ist ein österreichisches Schicksal. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir einfach sehr viele Filmschaffende. Der Markt ist übersättigt.“
Was also tun? Bei der Produktion selbst zu sparen fällt schwer. Dokumentarfilmern, bei denen die Materialkosten den Großteil des Budgets ausmachen, hilft jedoch die Technik. Peter Schreiner hat seinen Film „Totó“ digital gedreht: „Mit einer HD-Kamera ab 8000 Euro ist man fit, Kino zu machen. Bei Dokus ist die Produktion auf Film fast schon obsolet“, sagt er. Fürs Kino muss Schreiner sein Werk wieder teuer auf Film kopieren. Noch. Denn die Digitalisierung der Kinos (in Österreich 40 Prozent) nimmt zu und damit als Nebeneffekt auch die Zahl der Kopien. Begannen heimische Filme 2007 mit neun Kopien, sind es heuer bis zu 80, ein Wert, der mit US-Produktionen vergleichbar ist. Das schlägt sich auch in den Besucherzahlen positiv nieder.
Apropos neu und positiv: Seit heuer verfügt auch die Bundeshauptstadt über eine Vienna Film Commission (VFC), die Filmemachern unter anderem den Alltag bei den Dreharbeiten erleichtern soll. Laut dem Obmann der österreichischen Aufnahmeleiter, Peter Altendorfer, klappt die Zusammenarbeit – und dank ihr auch jene mit „Problembezirken“ – sehr gut. Für massiven Unmut sorgt aber aktuell die Magistratsabteilung 46, die für Drehgenehmigungen auf Verkehrsflächen zuständig ist.
Noch mehr Alltag. „Die Antragsfristen für Drehgenehmigungen wurden auf bis zu vier Wochen verdoppelt, das vernichtet die Branche“, sagt Altendorfer. Stimmt nicht, heißt es aus der MA 46. Die Fristen hätten sich nicht verändert. In Wahrheit habe der früher zuständige Beamte Anträge „im kurzen Weg“ erledigt, was nicht korrekt gewesen sei. Seine Nachfolger (jetzt zu dritt) würden den Amtsweg einhalten, „aber sich trotzdem bemühen, dass es schneller geht“. Altendorfer plant nun einen Protest, VFC-Leiterin Marijana Stoisits einen runden Tisch.
Es wird nicht ihr letzter sein. Stoisits will auch Institutionen wie Spitäler und Verkehrsbetriebe überzeugen, nicht aus Imageängsten Drehgenehmigungen zu verweigern. Denn wofür die Tourismusregion Salzburg zahlt, das macht den ÖBB Sorge. Für seine Drogenkomödie „Contact High“ wollte Regisseur Michael Glawogger am Wiener Südbahnhof drehen. Jedoch: Das Script erschien der Pressestelle bedenklich. Weil eben Drogen usw. „Ich kann mich an den Fall nicht genau erinnern“, sagt ÖBB-Sprecher Alfred Ruhaltinger, „aber kann schon sein, dass wir aus Imagegründen abgelehnt haben. Wir prüfen intern jedes Skript genau. Das Thema Drogenmissbrauch ist heikel.“ Ebenso wie das Thema Gewalt und damit potenziell jeder „Tatort“ oder „James Bond“. Filmwunderland Österreich – bisweilen ganz schön wunderlich.

ORF: „Was erwarten wir vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm?“

Eine Diskussion über gewünschte Programminhalte jenseits von Strukturdebatte und Finanzierungsmöglichkeiten

Sanierungsüberlegungen, Strukturdebatten, parteipolitische Deals und verlegerische Begehrlichkeiten prägen seit Monaten die Diskussion rund um den ORF. Irgendwann wird Alexander Wrabetz sein Restrukturierungspaket fertig geschnürt, werden die Regierungsparteien sich auf ein neues ORF-Gesetz geeinigt haben und damit auch die zukünftigen Rahmenbedingungen für die österreichische Film- und Fernsehwirtschaft feststehen. Ob der ORF dann noch - oder vielleicht wieder - in der Lage sein wird, ein dem öffentlich-rechtlichen Anspruch gerecht werdendes Programm zu machen, steht derzeit in den Sternen. Die Österreichische Gesellschaft für Kulturpolitik stellt sich – sinnigerweise in der Wiener Urania – an einer Podiumsdiskussion über „gewünschte Programminhalte jenseits von Strukturdebatte und Finanzierungsmöglichkeiten“ inzwischen die Frage, was wir vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm überhaupt erwarten. Es diskutieren Michael Köhlmeier (Autor), Danny Krausz (Filmproduzent), Ona B. (Künstlerin), Peter Patzak (Filmregisseur), Wolfgang Puschnig (Musiker) und Wolfgang Reiter (Dramaturg und Regisseur, derzeit Sprecher der Plattform Filmwirtschaft und Filmkultur mit dem ORF), moderiert von Trautl Brandstaller (langjährige ORF-Journalistin, derzeit freie Publizistin). Vielleicht liefert die Diskussion über Programminhalte ja auch der Strukturdebatte und den Finanzierungsfragen neue Argumente ....

Dienstag, 3. November 2009, 18 Uhr
Dachsaal Volksbildungshaus Wiener Urania, 1010 Wien, Uraniastraße 1