Aktuelle Neuigkeiten zu den Forderungen
Film: "Für mehr als eine Handvoll Euros"
Cannes, Viennale, Oscar-Zittern: Der österreichische Film hat wieder Saison. Und die Branche? Fürchtet sich vor dem ORF-Ausfall und hofft auf eine neue Förderung, die klarmacht, dass Filmemacher mehr als Bittsteller sind. Nämlich ein Wirtschaftsfaktor. Ein Beitrag von Marlene Mayer und Ulrike Weiser in der Sonntags-Presse vom 18.Oktober 2009
„Filmwunder Österreich“: Das viel strapazierte Schlagwort hört man oft und demnächst noch öfter. Denn wieder einmal läuft es gut für den heimischen Film: Michael Haneke hat zuletzt in Cannes gewonnen. Das Wiener Filmfestival Viennale, das kommende Woche startet, eröffnet erstmals mit einer österreichischen Produktion („La pivellina“). Und im Jänner darf man erneut freudig zittern: Gelingt Arash T. Riahi mit „Ein Augenblick Freiheit“ eine Nominierung für den Auslands-Oscar?
Eine spannende Frage, an die sich eine noch spannendere knüpft: Wie viele Preise braucht es eigentlich, bis man anerkennt, dass Film nicht nur ein (wenn auch notorisch unterschätztes) Kulturgut ist, sondern Dreharbeiten trotz Förderung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind? Tatsächlich mehren sich seit den Neunzigern, als sich Österreicher im internationalen Festivalzirkus etablieren konnten, nicht nur die Preise. Laut dem Österreichischen Filmförderungsinstitut (ÖFI) sind in den vergangenen acht Jahren auch die Umsätze der gesamten Filmproduktion (Kino, TV, Werbung etc.) inflationsbereinigt um 50 Prozent gestiegen – auf 351 Mio. Euro für den Zeitraum 2007/2008. Ebenfalls gewachsen ist der Marktanteil von österreichischen Filmen im Kino: von mageren zwei auf sieben Prozent im Vorjahr. Für 2009 rechnet ÖFI-Leiter Roland Teichmann gar mit einem „zweistelligen Anteil“. Die wahre Überraschung könnte aber Ende des Jahres verkündet werden: Spät, aber doch soll Österreich eine Filmförderung mit ökonomischem Schwerpunkt bekommen, wie sie im restlichen Europa längst üblich ist. Denn, sagt Teichmann: „Filmproduktionen sind wie ein Wanderzirkus, sie gehen dorthin, wo es Geld gibt.“
Cruise und Diaz. Im Wirtschaftsministerium wird derzeit deshalb an einer Variante des Rabattmodells des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) gearbeitet. Der jährlich mit 60 Mio. Euro dotierte DFFF erstattet, grob gesagt, einen Teil der in Deutschland ausgegeben Produktionskosten zurück, wenn die Produktion gewisse Kriterien (Beschäftigung deutscher Mitarbeiter etc.) erfüllt. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Laut DFFF wurde im Endeffekt das Sechsfache (!) der Fördersumme in Deutschland ausgegeben. Ähnliches erhofft man auch für Österreich. Freilich: „Hollywood-Produktionen werden uns trotzdem nicht die Türe einrennen“, sagt Teichmann, „aber vielleicht gibt es eine pro Jahr.“ Bis dato steht allerdings weder die Fördersumme fest – die österreichische Wirtschaftskammer wünscht sich 20 Mio. Euro –, noch kann man den Multiplikatoreffekt 1:1 umlegen. Vielmehr geht man bei der Wertschöpfung eines Filmes hierzulande vom Dreifachen der Herstellungskosten aus. Das Geld fließt schließlich in Arbeitsplätze, Subaufträge an Dienstleistungsfirmen, Transport und Unterbringung, auch das Image des Drehorts profitiert. Die gesamte Wertschöpfung exakt aufzuschlüsseln sei aber unmöglich, sagt Peter Zawrel, Chef des Filmfonds Wien, denn: Welche Kaufimpulse ein Film beispielsweise auslöst, lässt sich weder abschätzen noch seriös abrechnen. Als Erfahrungsbeispiel verweist Zawrel lieber auf den „territorialen Filmbrancheneffekt“, den der Filmfonds Wien einfordert: Demnach muss die geförderte Summe zu 100 Prozent in Wien ausgegeben werden: „Aus den Endabrechnungen wissen wir aber, dass es meist 250, im Höchstfall sogar 900 Prozent sind.“
Früher als das Wirtschaftsministerium erkannte der Tourismus das Wertschöpfungspotenzial: Mit 300.000 Euro lockt die Salzburger „StandortAgentur"(zuständig für die Förderung des kommerziellen Films) aktuell „The Unkown Wichita Project“, so der Arbeitstitel eines Films mit Tom Cruise und Cameron Diaz, in die Stadt. Ende November, Anfang Dezember sollen die Dreharbeiten starten und werden Salzburg – so ist es im Vertrag festgelegt – 1,2 Mio. Euro bringen (den Werbeeffekt von bis zu 20 Minuten Salzburgkulisse im Leinwandformat nicht eingerechnet). Der Hauptteil der Ausgaben entfällt jedoch auf Hotelübernachtungen, Fuhrpark, Sicherheit. Dinge, die mit der Filmbranche nicht wirklich viel zu tun haben.
Tom und Cameron – gut und schön, aber „strukturbildend“, wie das Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands der Audiovisions- und Filmindustrie nennt, ist derlei nicht. Beim Rabattmodell, das natürlich auch heimische Filmemacher in Anspruch nehmen sollen, soll das anders sein: Man hofft, dass die ansässige Filmbranche Aufträge lukriert und es zu Know-how-Transfer kommt. Noch mehr Möglichkeiten gäbe es, sagt Teichmann, hätte Österreich ein großes Filmstudio. Das aber fehlt nach wie vor.
Ein Problem namens ORF. Und es ist nicht das Einzige, was man vermisst. Denn das neue Rabattmodell kann nicht über das große Problem der Branche hinwegtäuschen, das auch jede Krisen-Diskussion verdrängt: den ORF. Dessen marode Finanzen sind aus zwei Gründen gefährlich. Erstens: Das Film- und Fernsehabkommen, mit dem der ORF Kinofilme fördert (5,9 Mio. Euro pro Jahr), wackelt. Ob und wie hoch man es künftig dotieren könne, sagt ORF-Sprecher Pius Strobl, werde sich erst mit dem Budgetvorschlag Mitte November entscheiden. Zweitens: Der ORF wird seine gesamten Aufträge für Serien, Shows, Dokus oder TV-Filme, von denen die Branche stark abhängig ist (Auftragsvolumen heuer: über 90 Mio. Euro), einschränken. Massiv einschränken? „Definieren Sie massiv“, sagt Strobl. Ab minus 25 Prozent. „Dann wird es massiv.“ „Wenn der ORF das Budget für Fernsehfilme weiter kürzt, haben wir ein echtes Problem“, meint Produzent Helmut Grasser (Allegro Film), „das hätte dramatische Auswirkungen auf die ganze Branche. Denn die meisten Arbeitsplätze, das Alltägliche passiert im Bereich der Fernsehfilme.“
Im Verein „Film Austria“ wollen sich die Produzenten gegen die Einsparungen wehren. Sprecher und Anwalt Alfred Noll sagt: „Wir wollen, dass der ORF im Rahmen des Film- und Fernsehabkommens zehn Millionen Euro pro Jahr in Film investiert. Weiters sollte eine finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierung nur zweckgebunden vergeben werden. 25 Prozent des Programmbudgets sollten in die Produktion österreichischer Filme, Serien und Dokus fließen. Da wird es eine Quotenregelung brauchen.“
Dominoeffekt. Auswirken würde sich ein ORF-Ausfall auch auf den Fernsehfonds der Rundfunk- und Fernsehfilmregulierungs Gmbh (RTR), der auf dem TV-Sektor – ähnlich wie der geplante Rabatt im Kinobereich – einen Anreiz für ausländische Koproduktionen schafft. Jedoch nur, wenn 50 Prozent vom Inland bezahlt werden. Bislang haben der RTR 20 und der ORF 30 Prozent beigesteuert. Fällt der ORF aus, brechen – dominogleich – auch die ausländischen Partner weg. Eventuell, vermutet Teichmann, werden TV-Regisseure und Produzenten deshalb nun in Richtung Kino(förderung) drängen. Im Durchschnitt ist jeder österreichische Kinofilm zu achtzig Prozent gefördert. Klingt viel, ist aber in ganz Europa so. Denn um die Herstellungskosten einzuspielen, bräuchte ein Film etwa zwei Millionen Besucher. Und das gelingt selbst großen Ländern wie Deutschland und Frankreich nur selten.
Ganz normaler Filmalltag. Insgesamt (inkl. ORF, RTR) wurden 2008 über 42 Mio. Euro an Förderungen zugesagt. Bei einem Kinofilm teilen sich ÖFI und Bundesländerfonds in der Regel 80 Prozent, 20 Prozent sollten vom ORF kommen. Die Einreichung ist ein langwieriger Prozess, wie das Beispiel von Arash T. Riahi zeigt: 2003 reichte Riahi „Ein Augenblick Freiheit“ zur Drehbuchförderung ein und wurde abgelehnt. 2004 kam es zur Projektentwicklung, und 2006 gab es die Zusage zur Herstellung: Mit 3,5 Mio. Euro ist „Ein Augenblick Freiheit“ eines der teuersten heimischen Spielfilmdebüts. Im Schnitt liegen zwischen Projektentwicklung und Herstellung sechs bis achtzehn Monate. Europäischer Standard, sagt Zawrel. Regisseure klagen dennoch häufig über das „Loch“ in das sie zwischen den einzelnen Produktionen fallen – Drehpausen von bis zu zwei Jahren sind durchaus üblich. „Stimmt“, so Zawrel, „aber das ist ein österreichisches Schicksal. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir einfach sehr viele Filmschaffende. Der Markt ist übersättigt.“
Was also tun? Bei der Produktion selbst zu sparen fällt schwer. Dokumentarfilmern, bei denen die Materialkosten den Großteil des Budgets ausmachen, hilft jedoch die Technik. Peter Schreiner hat seinen Film „Totó“ digital gedreht: „Mit einer HD-Kamera ab 8000 Euro ist man fit, Kino zu machen. Bei Dokus ist die Produktion auf Film fast schon obsolet“, sagt er. Fürs Kino muss Schreiner sein Werk wieder teuer auf Film kopieren. Noch. Denn die Digitalisierung der Kinos (in Österreich 40 Prozent) nimmt zu und damit als Nebeneffekt auch die Zahl der Kopien. Begannen heimische Filme 2007 mit neun Kopien, sind es heuer bis zu 80, ein Wert, der mit US-Produktionen vergleichbar ist. Das schlägt sich auch in den Besucherzahlen positiv nieder.
Apropos neu und positiv: Seit heuer verfügt auch die Bundeshauptstadt über eine Vienna Film Commission (VFC), die Filmemachern unter anderem den Alltag bei den Dreharbeiten erleichtern soll. Laut dem Obmann der österreichischen Aufnahmeleiter, Peter Altendorfer, klappt die Zusammenarbeit – und dank ihr auch jene mit „Problembezirken“ – sehr gut. Für massiven Unmut sorgt aber aktuell die Magistratsabteilung 46, die für Drehgenehmigungen auf Verkehrsflächen zuständig ist.
Noch mehr Alltag. „Die Antragsfristen für Drehgenehmigungen wurden auf bis zu vier Wochen verdoppelt, das vernichtet die Branche“, sagt Altendorfer. Stimmt nicht, heißt es aus der MA 46. Die Fristen hätten sich nicht verändert. In Wahrheit habe der früher zuständige Beamte Anträge „im kurzen Weg“ erledigt, was nicht korrekt gewesen sei. Seine Nachfolger (jetzt zu dritt) würden den Amtsweg einhalten, „aber sich trotzdem bemühen, dass es schneller geht“. Altendorfer plant nun einen Protest, VFC-Leiterin Marijana Stoisits einen runden Tisch.
Es wird nicht ihr letzter sein. Stoisits will auch Institutionen wie Spitäler und Verkehrsbetriebe überzeugen, nicht aus Imageängsten Drehgenehmigungen zu verweigern. Denn wofür die Tourismusregion Salzburg zahlt, das macht den ÖBB Sorge. Für seine Drogenkomödie „Contact High“ wollte Regisseur Michael Glawogger am Wiener Südbahnhof drehen. Jedoch: Das Script erschien der Pressestelle bedenklich. Weil eben Drogen usw. „Ich kann mich an den Fall nicht genau erinnern“, sagt ÖBB-Sprecher Alfred Ruhaltinger, „aber kann schon sein, dass wir aus Imagegründen abgelehnt haben. Wir prüfen intern jedes Skript genau. Das Thema Drogenmissbrauch ist heikel.“ Ebenso wie das Thema Gewalt und damit potenziell jeder „Tatort“ oder „James Bond“. Filmwunderland Österreich – bisweilen ganz schön wunderlich.
„Filmwunder Österreich“: Das viel strapazierte Schlagwort hört man oft und demnächst noch öfter. Denn wieder einmal läuft es gut für den heimischen Film: Michael Haneke hat zuletzt in Cannes gewonnen. Das Wiener Filmfestival Viennale, das kommende Woche startet, eröffnet erstmals mit einer österreichischen Produktion („La pivellina“). Und im Jänner darf man erneut freudig zittern: Gelingt Arash T. Riahi mit „Ein Augenblick Freiheit“ eine Nominierung für den Auslands-Oscar?
Eine spannende Frage, an die sich eine noch spannendere knüpft: Wie viele Preise braucht es eigentlich, bis man anerkennt, dass Film nicht nur ein (wenn auch notorisch unterschätztes) Kulturgut ist, sondern Dreharbeiten trotz Förderung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind? Tatsächlich mehren sich seit den Neunzigern, als sich Österreicher im internationalen Festivalzirkus etablieren konnten, nicht nur die Preise. Laut dem Österreichischen Filmförderungsinstitut (ÖFI) sind in den vergangenen acht Jahren auch die Umsätze der gesamten Filmproduktion (Kino, TV, Werbung etc.) inflationsbereinigt um 50 Prozent gestiegen – auf 351 Mio. Euro für den Zeitraum 2007/2008. Ebenfalls gewachsen ist der Marktanteil von österreichischen Filmen im Kino: von mageren zwei auf sieben Prozent im Vorjahr. Für 2009 rechnet ÖFI-Leiter Roland Teichmann gar mit einem „zweistelligen Anteil“. Die wahre Überraschung könnte aber Ende des Jahres verkündet werden: Spät, aber doch soll Österreich eine Filmförderung mit ökonomischem Schwerpunkt bekommen, wie sie im restlichen Europa längst üblich ist. Denn, sagt Teichmann: „Filmproduktionen sind wie ein Wanderzirkus, sie gehen dorthin, wo es Geld gibt.“
Cruise und Diaz. Im Wirtschaftsministerium wird derzeit deshalb an einer Variante des Rabattmodells des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) gearbeitet. Der jährlich mit 60 Mio. Euro dotierte DFFF erstattet, grob gesagt, einen Teil der in Deutschland ausgegeben Produktionskosten zurück, wenn die Produktion gewisse Kriterien (Beschäftigung deutscher Mitarbeiter etc.) erfüllt. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Laut DFFF wurde im Endeffekt das Sechsfache (!) der Fördersumme in Deutschland ausgegeben. Ähnliches erhofft man auch für Österreich. Freilich: „Hollywood-Produktionen werden uns trotzdem nicht die Türe einrennen“, sagt Teichmann, „aber vielleicht gibt es eine pro Jahr.“ Bis dato steht allerdings weder die Fördersumme fest – die österreichische Wirtschaftskammer wünscht sich 20 Mio. Euro –, noch kann man den Multiplikatoreffekt 1:1 umlegen. Vielmehr geht man bei der Wertschöpfung eines Filmes hierzulande vom Dreifachen der Herstellungskosten aus. Das Geld fließt schließlich in Arbeitsplätze, Subaufträge an Dienstleistungsfirmen, Transport und Unterbringung, auch das Image des Drehorts profitiert. Die gesamte Wertschöpfung exakt aufzuschlüsseln sei aber unmöglich, sagt Peter Zawrel, Chef des Filmfonds Wien, denn: Welche Kaufimpulse ein Film beispielsweise auslöst, lässt sich weder abschätzen noch seriös abrechnen. Als Erfahrungsbeispiel verweist Zawrel lieber auf den „territorialen Filmbrancheneffekt“, den der Filmfonds Wien einfordert: Demnach muss die geförderte Summe zu 100 Prozent in Wien ausgegeben werden: „Aus den Endabrechnungen wissen wir aber, dass es meist 250, im Höchstfall sogar 900 Prozent sind.“
Früher als das Wirtschaftsministerium erkannte der Tourismus das Wertschöpfungspotenzial: Mit 300.000 Euro lockt die Salzburger „StandortAgentur"(zuständig für die Förderung des kommerziellen Films) aktuell „The Unkown Wichita Project“, so der Arbeitstitel eines Films mit Tom Cruise und Cameron Diaz, in die Stadt. Ende November, Anfang Dezember sollen die Dreharbeiten starten und werden Salzburg – so ist es im Vertrag festgelegt – 1,2 Mio. Euro bringen (den Werbeeffekt von bis zu 20 Minuten Salzburgkulisse im Leinwandformat nicht eingerechnet). Der Hauptteil der Ausgaben entfällt jedoch auf Hotelübernachtungen, Fuhrpark, Sicherheit. Dinge, die mit der Filmbranche nicht wirklich viel zu tun haben.
Tom und Cameron – gut und schön, aber „strukturbildend“, wie das Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands der Audiovisions- und Filmindustrie nennt, ist derlei nicht. Beim Rabattmodell, das natürlich auch heimische Filmemacher in Anspruch nehmen sollen, soll das anders sein: Man hofft, dass die ansässige Filmbranche Aufträge lukriert und es zu Know-how-Transfer kommt. Noch mehr Möglichkeiten gäbe es, sagt Teichmann, hätte Österreich ein großes Filmstudio. Das aber fehlt nach wie vor.
Ein Problem namens ORF. Und es ist nicht das Einzige, was man vermisst. Denn das neue Rabattmodell kann nicht über das große Problem der Branche hinwegtäuschen, das auch jede Krisen-Diskussion verdrängt: den ORF. Dessen marode Finanzen sind aus zwei Gründen gefährlich. Erstens: Das Film- und Fernsehabkommen, mit dem der ORF Kinofilme fördert (5,9 Mio. Euro pro Jahr), wackelt. Ob und wie hoch man es künftig dotieren könne, sagt ORF-Sprecher Pius Strobl, werde sich erst mit dem Budgetvorschlag Mitte November entscheiden. Zweitens: Der ORF wird seine gesamten Aufträge für Serien, Shows, Dokus oder TV-Filme, von denen die Branche stark abhängig ist (Auftragsvolumen heuer: über 90 Mio. Euro), einschränken. Massiv einschränken? „Definieren Sie massiv“, sagt Strobl. Ab minus 25 Prozent. „Dann wird es massiv.“ „Wenn der ORF das Budget für Fernsehfilme weiter kürzt, haben wir ein echtes Problem“, meint Produzent Helmut Grasser (Allegro Film), „das hätte dramatische Auswirkungen auf die ganze Branche. Denn die meisten Arbeitsplätze, das Alltägliche passiert im Bereich der Fernsehfilme.“
Im Verein „Film Austria“ wollen sich die Produzenten gegen die Einsparungen wehren. Sprecher und Anwalt Alfred Noll sagt: „Wir wollen, dass der ORF im Rahmen des Film- und Fernsehabkommens zehn Millionen Euro pro Jahr in Film investiert. Weiters sollte eine finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierung nur zweckgebunden vergeben werden. 25 Prozent des Programmbudgets sollten in die Produktion österreichischer Filme, Serien und Dokus fließen. Da wird es eine Quotenregelung brauchen.“
Dominoeffekt. Auswirken würde sich ein ORF-Ausfall auch auf den Fernsehfonds der Rundfunk- und Fernsehfilmregulierungs Gmbh (RTR), der auf dem TV-Sektor – ähnlich wie der geplante Rabatt im Kinobereich – einen Anreiz für ausländische Koproduktionen schafft. Jedoch nur, wenn 50 Prozent vom Inland bezahlt werden. Bislang haben der RTR 20 und der ORF 30 Prozent beigesteuert. Fällt der ORF aus, brechen – dominogleich – auch die ausländischen Partner weg. Eventuell, vermutet Teichmann, werden TV-Regisseure und Produzenten deshalb nun in Richtung Kino(förderung) drängen. Im Durchschnitt ist jeder österreichische Kinofilm zu achtzig Prozent gefördert. Klingt viel, ist aber in ganz Europa so. Denn um die Herstellungskosten einzuspielen, bräuchte ein Film etwa zwei Millionen Besucher. Und das gelingt selbst großen Ländern wie Deutschland und Frankreich nur selten.
Ganz normaler Filmalltag. Insgesamt (inkl. ORF, RTR) wurden 2008 über 42 Mio. Euro an Förderungen zugesagt. Bei einem Kinofilm teilen sich ÖFI und Bundesländerfonds in der Regel 80 Prozent, 20 Prozent sollten vom ORF kommen. Die Einreichung ist ein langwieriger Prozess, wie das Beispiel von Arash T. Riahi zeigt: 2003 reichte Riahi „Ein Augenblick Freiheit“ zur Drehbuchförderung ein und wurde abgelehnt. 2004 kam es zur Projektentwicklung, und 2006 gab es die Zusage zur Herstellung: Mit 3,5 Mio. Euro ist „Ein Augenblick Freiheit“ eines der teuersten heimischen Spielfilmdebüts. Im Schnitt liegen zwischen Projektentwicklung und Herstellung sechs bis achtzehn Monate. Europäischer Standard, sagt Zawrel. Regisseure klagen dennoch häufig über das „Loch“ in das sie zwischen den einzelnen Produktionen fallen – Drehpausen von bis zu zwei Jahren sind durchaus üblich. „Stimmt“, so Zawrel, „aber das ist ein österreichisches Schicksal. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir einfach sehr viele Filmschaffende. Der Markt ist übersättigt.“
Was also tun? Bei der Produktion selbst zu sparen fällt schwer. Dokumentarfilmern, bei denen die Materialkosten den Großteil des Budgets ausmachen, hilft jedoch die Technik. Peter Schreiner hat seinen Film „Totó“ digital gedreht: „Mit einer HD-Kamera ab 8000 Euro ist man fit, Kino zu machen. Bei Dokus ist die Produktion auf Film fast schon obsolet“, sagt er. Fürs Kino muss Schreiner sein Werk wieder teuer auf Film kopieren. Noch. Denn die Digitalisierung der Kinos (in Österreich 40 Prozent) nimmt zu und damit als Nebeneffekt auch die Zahl der Kopien. Begannen heimische Filme 2007 mit neun Kopien, sind es heuer bis zu 80, ein Wert, der mit US-Produktionen vergleichbar ist. Das schlägt sich auch in den Besucherzahlen positiv nieder.
Apropos neu und positiv: Seit heuer verfügt auch die Bundeshauptstadt über eine Vienna Film Commission (VFC), die Filmemachern unter anderem den Alltag bei den Dreharbeiten erleichtern soll. Laut dem Obmann der österreichischen Aufnahmeleiter, Peter Altendorfer, klappt die Zusammenarbeit – und dank ihr auch jene mit „Problembezirken“ – sehr gut. Für massiven Unmut sorgt aber aktuell die Magistratsabteilung 46, die für Drehgenehmigungen auf Verkehrsflächen zuständig ist.
Noch mehr Alltag. „Die Antragsfristen für Drehgenehmigungen wurden auf bis zu vier Wochen verdoppelt, das vernichtet die Branche“, sagt Altendorfer. Stimmt nicht, heißt es aus der MA 46. Die Fristen hätten sich nicht verändert. In Wahrheit habe der früher zuständige Beamte Anträge „im kurzen Weg“ erledigt, was nicht korrekt gewesen sei. Seine Nachfolger (jetzt zu dritt) würden den Amtsweg einhalten, „aber sich trotzdem bemühen, dass es schneller geht“. Altendorfer plant nun einen Protest, VFC-Leiterin Marijana Stoisits einen runden Tisch.
Es wird nicht ihr letzter sein. Stoisits will auch Institutionen wie Spitäler und Verkehrsbetriebe überzeugen, nicht aus Imageängsten Drehgenehmigungen zu verweigern. Denn wofür die Tourismusregion Salzburg zahlt, das macht den ÖBB Sorge. Für seine Drogenkomödie „Contact High“ wollte Regisseur Michael Glawogger am Wiener Südbahnhof drehen. Jedoch: Das Script erschien der Pressestelle bedenklich. Weil eben Drogen usw. „Ich kann mich an den Fall nicht genau erinnern“, sagt ÖBB-Sprecher Alfred Ruhaltinger, „aber kann schon sein, dass wir aus Imagegründen abgelehnt haben. Wir prüfen intern jedes Skript genau. Das Thema Drogenmissbrauch ist heikel.“ Ebenso wie das Thema Gewalt und damit potenziell jeder „Tatort“ oder „James Bond“. Filmwunderland Österreich – bisweilen ganz schön wunderlich.
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Medienbericht
ORF: „Was erwarten wir vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm?“
Eine Diskussion über gewünschte Programminhalte jenseits von Strukturdebatte und Finanzierungsmöglichkeiten
Sanierungsüberlegungen, Strukturdebatten, parteipolitische Deals und verlegerische Begehrlichkeiten prägen seit Monaten die Diskussion rund um den ORF. Irgendwann wird Alexander Wrabetz sein Restrukturierungspaket fertig geschnürt, werden die Regierungsparteien sich auf ein neues ORF-Gesetz geeinigt haben und damit auch die zukünftigen Rahmenbedingungen für die österreichische Film- und Fernsehwirtschaft feststehen. Ob der ORF dann noch - oder vielleicht wieder - in der Lage sein wird, ein dem öffentlich-rechtlichen Anspruch gerecht werdendes Programm zu machen, steht derzeit in den Sternen. Die Österreichische Gesellschaft für Kulturpolitik stellt sich – sinnigerweise in der Wiener Urania – an einer Podiumsdiskussion über „gewünschte Programminhalte jenseits von Strukturdebatte und Finanzierungsmöglichkeiten“ inzwischen die Frage, was wir vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm überhaupt erwarten. Es diskutieren Michael Köhlmeier (Autor), Danny Krausz (Filmproduzent), Ona B. (Künstlerin), Peter Patzak (Filmregisseur), Wolfgang Puschnig (Musiker) und Wolfgang Reiter (Dramaturg und Regisseur, derzeit Sprecher der Plattform Filmwirtschaft und Filmkultur mit dem ORF), moderiert von Trautl Brandstaller (langjährige ORF-Journalistin, derzeit freie Publizistin). Vielleicht liefert die Diskussion über Programminhalte ja auch der Strukturdebatte und den Finanzierungsfragen neue Argumente ....
Dienstag, 3. November 2009, 18 Uhr
Dachsaal Volksbildungshaus Wiener Urania, 1010 Wien, Uraniastraße 1
Sanierungsüberlegungen, Strukturdebatten, parteipolitische Deals und verlegerische Begehrlichkeiten prägen seit Monaten die Diskussion rund um den ORF. Irgendwann wird Alexander Wrabetz sein Restrukturierungspaket fertig geschnürt, werden die Regierungsparteien sich auf ein neues ORF-Gesetz geeinigt haben und damit auch die zukünftigen Rahmenbedingungen für die österreichische Film- und Fernsehwirtschaft feststehen. Ob der ORF dann noch - oder vielleicht wieder - in der Lage sein wird, ein dem öffentlich-rechtlichen Anspruch gerecht werdendes Programm zu machen, steht derzeit in den Sternen. Die Österreichische Gesellschaft für Kulturpolitik stellt sich – sinnigerweise in der Wiener Urania – an einer Podiumsdiskussion über „gewünschte Programminhalte jenseits von Strukturdebatte und Finanzierungsmöglichkeiten“ inzwischen die Frage, was wir vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm überhaupt erwarten. Es diskutieren Michael Köhlmeier (Autor), Danny Krausz (Filmproduzent), Ona B. (Künstlerin), Peter Patzak (Filmregisseur), Wolfgang Puschnig (Musiker) und Wolfgang Reiter (Dramaturg und Regisseur, derzeit Sprecher der Plattform Filmwirtschaft und Filmkultur mit dem ORF), moderiert von Trautl Brandstaller (langjährige ORF-Journalistin, derzeit freie Publizistin). Vielleicht liefert die Diskussion über Programminhalte ja auch der Strukturdebatte und den Finanzierungsfragen neue Argumente ....
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Ö-Film und ORF-Krise: Den Kanzler beim Wort nehmen
Werner Faymann kennt die richtige Antwort auf die ORF-Krise: "Mehr österreichische Filme." - Ein Kommentar von Wolfgang Reiter im "Standard" (Printausgabe vom 11.9.2009)
Ganz am Ende des letzten ORF-Sommergesprächs mit Werner Faymann vor der Bregenzer Aida-Kulisse kamen sie dann doch noch auf den Tisch: die Krise des ORF und die Frage, was der Kanzler dagegen zu tun gedenkt. Gestellt hat sie Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky (Die Fälscher). Und Faymann parierte sie mit nonchalantem Lächeln: "Mehr österreichische Filme!" Das war's. Themenwechsel: Dichand. Das nämlich fällt österreichischen Journalisten (also auch Ingrid Thurnher) dann immer reflexartig ein, wenn es um Medien geht.
Aber bleiben wir beim ORF. So salopp das - suggerierter Untertitel: "Na, des haben S' doch hören wollen, Herr Regisseur?!" - auch rübergekommen ist: "Mehr österreichische Filme" ist tatsächlich die richtige Antwort auf die Krise des kränkelnden Leitmediums. Nicht nur um Partialinteressen einer Branche zu bedienen und qualifizierte Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft im Lande zu halten, sondern um den ORF zu einem unverwechselbaren Sender zu machen, der auch den Erwartungen der Gebührenzahler entspricht.
50 Prozent mehr Zuseher
Österreichische Filme, Serien und Dokumentationen zählen nämlich zu den beliebtesten Programmen des ORF und erreichen durchschnittlich um 50 Prozent mehr Zuseher als Kaufprogramme meist US-amerikanischer Provenienz. Und das heißt umgekehrt: Je weniger eigenständig produziertes und unverwechselbares Programm auf den Sendern des ORF läuft, desto mehr werden die Einschaltquoten einbrechen und damit auch die Werbeeinnahmen sinken. Ganz abgesehen davon, dass der ORF damit selbst an der Legitimation für die Gebührenfinanzierung sägt.
"Mehr österreichische Filme" - das bleibt in den laufenden ORF-Debatten meist völlig unterbelichtet - ist vor allem auch aus demokratiepolitischen Überlegungen die richtige Antwort auf die Krise des ORF. So wichtig die informationspolitische Funktion eines öffentlich-rechtlichen Senders auch ist: Der politische Tunnelblick auf die Nachrichten- und Info-Sendungen macht nicht nur Parteienvertreter, sondern auch viele Journalisten blind dafür, dass Fernsehen vom Publikum aus einer ganz anderen Perspektive wahrgenommen wird, nämlich primär als Unterhaltungs- und erst in zweiter Linie als Informationsmedium.
Und er ignoriert, dass öffentliche Kommunikation als unabdingbare Voraussetzung für moderne Demokratien neben der Informations- und Transparenzfunktion noch eine weitere, ebenso wichtige, nämlich integrative Funktion hat: Sie ermöglicht die Selbstwahrnehmung der Bürger und Bürgerinnen als Mitglieder einer Gesellschaft, die Probleme auf demokratische und solidarische Weise löst.
Integrative Funktion
Diese integrative Funktion erfüllen im Fernsehen in erster Linie fiktionale Programme: Filme und Serien, die kritische und satirische, heitere und traurige, romantische und komödiantische Geschichten von unterschiedlichen Menschen erzählen. Geschichten, die alltäglichen Problemen jenseits tagespolitischer Aktualitäten Resonanz verschaffen, die Einsicht in unterschiedliche Lebenslagen ermöglichen und damit - bei aller Kontroverse - für die Vermittlung zwischen den gesellschaftlichen Milieus sorgen.
Öffentliche Kommunikation kann dergestalt aber nur dann funktionieren, wenn die Dramen, Komödien und Satiren aus der Lebenswelt der Zuseher/innen kommen, also überwiegend im regionalen, nationalen oder europäischen Kontext entstehen und nicht - wie im ORF - überwiegend im US-amerikanischen. "Fällt die eigenständige Produktion von Filmen und Serien unter eine kritische Masse", so formuliert es ORF-Hauptabteilungsleiter Heinrich Mis selbstkritisch im ersten Public-Value-Bericht des ORF, "nimmt das Publikum den ORF nicht mehr als Schöpfer österreichischer Identität wahr." Mit der Folge, dass dem Publikum die Senderbindung zunehmend abhandenkommt.
Dieses Szenario zeichnet sich längst ab und wird angesichts der Sparpläne im ORF weiter dynamisiert. Schon jetzt ist der ORF im europäischen Vergleich das Schlusslicht bei den nationalen Anteilen am fiktionalen Programm. Mit lediglich 2,2 % liegt Österreich nicht nur weit hinter den großen Produktionsländern Deutschland, Frankreich, Spanien und England, die 13,4, bis 28,2 Prozent der ausgestrahlten TV-Filme und Serien selbst produzieren, sondern auch hinter vergleichbar großen Staaten wie Finnland, Schweden, Belgien oder Norwegen, deren nationale TV-Anstalten zwei- bis viermal so viel eigen- und koproduzierte Filme und Serien zeigen als der ORF.
Social-Web-Verheißungen
Dass der ORF insbesondere für junge Zuschauer als Leitmedium längst abgedankt hat, liegt nicht nur daran, dass klassisches Fernsehen mit den flexiblen, am Internet geschulten Ansprüchen der Jungen nicht mithalten kann, sondern auch daran, dass die Chance, die das Fernsehen nach wie vor gegenüber dem Internet hat, vom ORF nicht genutzt wird: die Chance auf eine großes Wir, auf Gemeinschaftserlebnisse, nach denen sich auch Jugendliche sehnen, die gerade im Internet - allen Social-Web-Verheißungen zum Trotz - vielfach Vereinzelung erfahren. Dazu braucht es aber originäre Seherlebnisse und nicht einfallslose Format-Kopien. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk hätte hier Erprobungsmöglichkeiten, die den Privatsendern aufgrund des Quotendrucks kaum zur Verfügung stehen: Mit Rückgriff auf das große Potenzial kreativer österreichischer Autoren, Regisseure und Schauspieler Programme zu entwickeln, von denen entscheidenden Impulse ausgehen, die über das Niveau von Ratgebersendungen und Casting-Shows hinausgehen.
"Mehr österreichische Filme!" - War das, Herr Bundeskanzler, ein Versprechen gegenüber dem wahlberechtigten ORF-Publikum? Wenn ja, dann haben Sie in den kommenden Wochen die Chance, es im Zuge der Novellierung des ORF-Gesetzes in Form konkreter Quantifizierungen einzulösen. Damit könnten Sie sich bei der nächsten Wahl noch einige weitere Wahlplakate sparen.
Ganz am Ende des letzten ORF-Sommergesprächs mit Werner Faymann vor der Bregenzer Aida-Kulisse kamen sie dann doch noch auf den Tisch: die Krise des ORF und die Frage, was der Kanzler dagegen zu tun gedenkt. Gestellt hat sie Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky (Die Fälscher). Und Faymann parierte sie mit nonchalantem Lächeln: "Mehr österreichische Filme!" Das war's. Themenwechsel: Dichand. Das nämlich fällt österreichischen Journalisten (also auch Ingrid Thurnher) dann immer reflexartig ein, wenn es um Medien geht.
Aber bleiben wir beim ORF. So salopp das - suggerierter Untertitel: "Na, des haben S' doch hören wollen, Herr Regisseur?!" - auch rübergekommen ist: "Mehr österreichische Filme" ist tatsächlich die richtige Antwort auf die Krise des kränkelnden Leitmediums. Nicht nur um Partialinteressen einer Branche zu bedienen und qualifizierte Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft im Lande zu halten, sondern um den ORF zu einem unverwechselbaren Sender zu machen, der auch den Erwartungen der Gebührenzahler entspricht.
50 Prozent mehr Zuseher
Österreichische Filme, Serien und Dokumentationen zählen nämlich zu den beliebtesten Programmen des ORF und erreichen durchschnittlich um 50 Prozent mehr Zuseher als Kaufprogramme meist US-amerikanischer Provenienz. Und das heißt umgekehrt: Je weniger eigenständig produziertes und unverwechselbares Programm auf den Sendern des ORF läuft, desto mehr werden die Einschaltquoten einbrechen und damit auch die Werbeeinnahmen sinken. Ganz abgesehen davon, dass der ORF damit selbst an der Legitimation für die Gebührenfinanzierung sägt.
"Mehr österreichische Filme" - das bleibt in den laufenden ORF-Debatten meist völlig unterbelichtet - ist vor allem auch aus demokratiepolitischen Überlegungen die richtige Antwort auf die Krise des ORF. So wichtig die informationspolitische Funktion eines öffentlich-rechtlichen Senders auch ist: Der politische Tunnelblick auf die Nachrichten- und Info-Sendungen macht nicht nur Parteienvertreter, sondern auch viele Journalisten blind dafür, dass Fernsehen vom Publikum aus einer ganz anderen Perspektive wahrgenommen wird, nämlich primär als Unterhaltungs- und erst in zweiter Linie als Informationsmedium.
Und er ignoriert, dass öffentliche Kommunikation als unabdingbare Voraussetzung für moderne Demokratien neben der Informations- und Transparenzfunktion noch eine weitere, ebenso wichtige, nämlich integrative Funktion hat: Sie ermöglicht die Selbstwahrnehmung der Bürger und Bürgerinnen als Mitglieder einer Gesellschaft, die Probleme auf demokratische und solidarische Weise löst.
Integrative Funktion
Diese integrative Funktion erfüllen im Fernsehen in erster Linie fiktionale Programme: Filme und Serien, die kritische und satirische, heitere und traurige, romantische und komödiantische Geschichten von unterschiedlichen Menschen erzählen. Geschichten, die alltäglichen Problemen jenseits tagespolitischer Aktualitäten Resonanz verschaffen, die Einsicht in unterschiedliche Lebenslagen ermöglichen und damit - bei aller Kontroverse - für die Vermittlung zwischen den gesellschaftlichen Milieus sorgen.
Öffentliche Kommunikation kann dergestalt aber nur dann funktionieren, wenn die Dramen, Komödien und Satiren aus der Lebenswelt der Zuseher/innen kommen, also überwiegend im regionalen, nationalen oder europäischen Kontext entstehen und nicht - wie im ORF - überwiegend im US-amerikanischen. "Fällt die eigenständige Produktion von Filmen und Serien unter eine kritische Masse", so formuliert es ORF-Hauptabteilungsleiter Heinrich Mis selbstkritisch im ersten Public-Value-Bericht des ORF, "nimmt das Publikum den ORF nicht mehr als Schöpfer österreichischer Identität wahr." Mit der Folge, dass dem Publikum die Senderbindung zunehmend abhandenkommt.
Dieses Szenario zeichnet sich längst ab und wird angesichts der Sparpläne im ORF weiter dynamisiert. Schon jetzt ist der ORF im europäischen Vergleich das Schlusslicht bei den nationalen Anteilen am fiktionalen Programm. Mit lediglich 2,2 % liegt Österreich nicht nur weit hinter den großen Produktionsländern Deutschland, Frankreich, Spanien und England, die 13,4, bis 28,2 Prozent der ausgestrahlten TV-Filme und Serien selbst produzieren, sondern auch hinter vergleichbar großen Staaten wie Finnland, Schweden, Belgien oder Norwegen, deren nationale TV-Anstalten zwei- bis viermal so viel eigen- und koproduzierte Filme und Serien zeigen als der ORF.
Social-Web-Verheißungen
Dass der ORF insbesondere für junge Zuschauer als Leitmedium längst abgedankt hat, liegt nicht nur daran, dass klassisches Fernsehen mit den flexiblen, am Internet geschulten Ansprüchen der Jungen nicht mithalten kann, sondern auch daran, dass die Chance, die das Fernsehen nach wie vor gegenüber dem Internet hat, vom ORF nicht genutzt wird: die Chance auf eine großes Wir, auf Gemeinschaftserlebnisse, nach denen sich auch Jugendliche sehnen, die gerade im Internet - allen Social-Web-Verheißungen zum Trotz - vielfach Vereinzelung erfahren. Dazu braucht es aber originäre Seherlebnisse und nicht einfallslose Format-Kopien. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk hätte hier Erprobungsmöglichkeiten, die den Privatsendern aufgrund des Quotendrucks kaum zur Verfügung stehen: Mit Rückgriff auf das große Potenzial kreativer österreichischer Autoren, Regisseure und Schauspieler Programme zu entwickeln, von denen entscheidenden Impulse ausgehen, die über das Niveau von Ratgebersendungen und Casting-Shows hinausgehen.
"Mehr österreichische Filme!" - War das, Herr Bundeskanzler, ein Versprechen gegenüber dem wahlberechtigten ORF-Publikum? Wenn ja, dann haben Sie in den kommenden Wochen die Chance, es im Zuge der Novellierung des ORF-Gesetzes in Form konkreter Quantifizierungen einzulösen. Damit könnten Sie sich bei der nächsten Wahl noch einige weitere Wahlplakate sparen.
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Preisverdächtig
Der österreichische Film weiter auf Erfolgskurs
„Ein halbes Leben", eine Produktion der Allegro Film in Koproduktion mit ORF und ZDF ist in vier Kategorien für den Deutschen Fernsehpreis 2009 nominiert. Der Film des österreichischen Regisseurs Nikolaus Leytner geht in den Kategorien bester Fernsehfilm und beste Regie ins Rennen. Josef Hader verkörpert darin einen Vergewaltiger und Mörder, für diese Rolle kann er sich Hoffnung auf eine Trophäe als bester Schauspieler machen. Zudem ist Franziska Walser in der Kategorie beste Schauspielerin in einer Nebenrolle nominiert.
Auch für das Rennen um den Europäischen Filmpreis 2009 sind zwei österreichische Produktionen nominiert: "Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger (DOR-Film) und "Das weiße Band" von Michael Haneke (Wega Film in Koproduktion mit Les Films Du Losange, X Filme und Lucky Red) treten gegen prominente Mitbewerber wie "Zerrissene Umarmungen" von Pedro Almodovar, "Antichrist" von Lars von Trier, "Slumdog Millionär" von Danny Boyle oder "Looking for Eric" von Ken Loach an.
„Ein halbes Leben", eine Produktion der Allegro Film in Koproduktion mit ORF und ZDF ist in vier Kategorien für den Deutschen Fernsehpreis 2009 nominiert. Der Film des österreichischen Regisseurs Nikolaus Leytner geht in den Kategorien bester Fernsehfilm und beste Regie ins Rennen. Josef Hader verkörpert darin einen Vergewaltiger und Mörder, für diese Rolle kann er sich Hoffnung auf eine Trophäe als bester Schauspieler machen. Zudem ist Franziska Walser in der Kategorie beste Schauspielerin in einer Nebenrolle nominiert.
Auch für das Rennen um den Europäischen Filmpreis 2009 sind zwei österreichische Produktionen nominiert: "Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger (DOR-Film) und "Das weiße Band" von Michael Haneke (Wega Film in Koproduktion mit Les Films Du Losange, X Filme und Lucky Red) treten gegen prominente Mitbewerber wie "Zerrissene Umarmungen" von Pedro Almodovar, "Antichrist" von Lars von Trier, "Slumdog Millionär" von Danny Boyle oder "Looking for Eric" von Ken Loach an.
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ORF: "Sesselpupser und weiße Elefanten"
Schauspieler Harald Krassnitzer sprach mit „profil“ über die Lähmung und Orientierungslosigkeit des ORF, über Quotenhörigkeit, Landeshauptmannfernsehen sowie die Mutlosigkeit und Inkompetenz der Politik, die den ORF auf ein Debakel zusteuern lässt, wie wir es gerade bei der AUA erlebt haben.
Profil: Sie sind der ORF-Mann für alle Fälle: "Winzerkönig", "Tatort"-Kommissar, diese Woche Co-Interviewer im Parteichef-"Sommergespräch". Wie erleben Sie die ORF-Krise?
Krassnitzer: Die Innensicht liefert schon andere Bilder. Ich stehe ja an der Front und bin ein Teil der Wirtschaft, die dem ORF Content liefert. Dort spürt man natürlich die Lähmung und die Orientierungslosigkeit des ORF. Man mag zu Sendungen wie "Lottosieger" stehen, wie man will, aber das war eine erfolgreiche österreichische Serie, die jetzt eingestellt wird. Da fragt man sich schon, warum man dort spart.
profil: Wo sollte man denn sparen?
Krassnitzer: Leider liegt immer noch kein Konzept für den Strukturwandel im ORF vor. Es gibt keinen einzigen Vorschlag, wie das Unternehmen verändert werden soll. Die Politik sagt nicht: Wird es ein neues ORF-Gesetz geben? Einen Rauswurf der Mannschaft? Das ist ein endloses Herumgeeiere. Und die ORF-Spitze wartet wie das Kaninchen vor der Schlange und traut sich nicht, eine Richtung einzuschlagen.
profil: Sie werfen der ORF-Führung also Mutlosigkeit vor?
Krassnitzer: Ich denke, dass ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz durchaus in der Lage wäre, seinen Job gut zu machen. Er geht geschickt mit den Finanzen um; er sollte sich nur gewahr werden, dass er dieses Unternehmen führen muss. Er hat nur eine Chance: Entweder er führt den ORF bis 2011 aus der Krise, oder er geht mit Bomben und Granaten unter - und mit ihm wohl auch der ORF.
profil: Was müsste er also tun?
Krassnitzer: Kein Unternehmen dieser Kapitalstärke kann das Golden-Handshake-Modell nach Gießkannenprinzip durchstehen. Wrabetz muss sich die Kräfte suchen, die er tatsächlich loswerden will. Nur beim ORF gibt es eine Ausschreibung, und jeder, der will, kann gehen. Da sind aber viele erstklassige Journalisten dabei, die dem ORF ein kreatives Rückgrat geben. Und was bleibt übrig? Die Sesselpupser und weißen Elefanten, die nur darauf warten, dass es den nächsten Regierungswechsel gibt, damit sie beim nächsten Arsch wieder rausschauen können.
profil: Soll auch die Zahl der ORF-Direktoren reduziert werden?
Krassnitzer: Die Anzahl der Direktoren muss man kürzen, um den ORF effizienter führen zu können und sich weiße Elefanten zu sparen. Außerdem erscheint es mir zweifelhaft, einen Aufsichtsrat mit 32 Leuten zu haben. Das produziert nur viele Zurufe und keine klare Linie. Es wäre sinnvoller, einen schmalen Aufsichtsrat ohne Betriebsräte zu schaffen.
profil: Wie inkompetent geht die Politik mit demORF um?
Krassnitzer: Sie macht das Unternehmen kaputt. Offenbar ist das eine klassische Strategie bei staatsnahen Unternehmen - wie wir es gerade bei der AUA erleben. Der ORF steuert auf ein ähnliches Debakel zu. Aus allen politischen Richtungen wird er sturmreif geschossen.
profil: Welche Absicht vermuten Sie dahinter?
Krassnitzer: Offenbar soll ein ORF-Kanal verkauft werden. Dann wäre aber das Unternehmen tot. Denn was soll man auf dem einen Kanal noch senden? Nur noch klassisches Infotainment und ein paar Dokumentationen? Oder nur amerikanische Serien? Österreichische Produktionen haben viel mehr Zuseher. Gefällt Ihnen Hansi Hinterseer oder Brad Pitt besser?
profil: Brad Pitt natürlich.
Krassnitzer: Das zeigt, dass Sie schlechten Geschmack haben. Die Mehrheit der Österreicher bevorzugt Hinterseer. Der bringt wirklich Quote.
profil: Weil er im Hauptabendprogramm gespielt wird. Anspruchsvolle Filme oder Dokumentationen werden ins Nachtprogramm verräumt.
Krassnitzer: Eigentlich müsste sich der ORF aus der Quotenhörigkeit verabschieden. Natürlich legitimiert die Quote bis zu einem gewissen Grad öffentliche Gelder. Ich sehe auch gern Pasolini-Filme, aber ich glaube nicht, dass es tragbar wäre, "Die 120 Tage von Sodom" in Endlosschleife abzuspielen. Da hätten wir nicht viele Zuseher.
profil: Also ist es in Ordnung, wenn Qualitätsprodukte im Nachtprogramm verräumt werden?
Krassnitzer: Man kann doch auf einem Kanal etwas Qualitatives und auf dem anderen etwas für die breite Masse spielen. Das könnte etwa ein mögliches Zukunftskonzept sein. Der Letzte, der sich im ORF aber getraut hat, derart konzeptiv und unternehmerisch zu denken, war Gerhard Zeiler. Der hatte einen Plan.
profil: Sie haben mehrere Punkte für einen ORF neu aufgezählt. Machen diese den so genannten Bildungsauftrag des ORF aus?
Krassnitzer: Es hätte ja keinen Sinn, aus dem ORF einen Schulfensehsender zu machen oder wieder Russisch-Lektionen auszustrahlen. Das geht heute nicht mehr in der Stringenz wie in den sechziger Jahren. Aber man kann etwa Dokumentationen zeigen. Der ORF hat sich derzeit völlig aus dem Dokumentarfilm verabschiedet: Er finanziert sie nicht mit und zeigt sie nur auf Feigenblatt-Plätzen. Oder man kann eigene Produktionen zeigen. Aber aufgrund seiner Budgetsituation hat der ORF überhaupt keinen Planungszeitraum mehr.
profil: Die Finanzsituation kam ja nicht überraschend. Der ORF hat eine sehr teure Struktur, die Bundesländerstudios sind kostspielig. All das weiß man seit Jahren.
Krassnitzer: Stimmt schon. Für das Bundesländerfernsehen gäbe es aber eine elegante Lösung. Wir senden auf neun digitalen Sendern, die jeder empfangen kann, neunmal dasselbe. Da wirst du verrückt. Ich verstehe nicht, warum dort die Eigenproduktionen nicht verwertet werden.
profil: Dagegen würden die Landeshauptleute protestieren, weil sie dann nicht mehr ihre Exklusivberichte über die Eröffnung neuer Fußgängerzonen bekommen würden.
Krassnitzer: Vom Landeshauptmannfernsehen sollten wir uns endlich verabschieden. Ich bin ja nicht naiv und glaube an einen entpolitisierten ORF. In einem Land, in dem es sogar Autofahrerklubs von ÖVP und SPÖ gibt, wird die Politik immer auch im Fernsehen mitmischen. Alles andere ist nur eine schöne Utopie.
profil: Sie agieren hier mit Zurufen an die ORF-Spitze. Hätten Sie durch Ihr Nahverhältnis zu Wrabetz nicht auch die Chance, ihm auch persönlich Ihre Sicht der Dinge darzulegen?
Krassnitzer: Natürlich könnte ich auch den österreichischen Weg gehen: den Weg des Mauschelns und des Tricksens, um hinterrücks in irgendwelche Darmwindungen zu gelangen. Der ORF ist es aber wert, öffentlich diskutiert zu werden. Sonst sind wir irgendwann so weit, dass in diesem Sender nichts mehr läuft als 24 Stunden Politiker-Palatschinkengesichter.
Das ganze Interview, das Stefan Grissemann und Eva Linsinger mit Harald Krassnitzer geführt haben, ist in der aktuellen profil-Ausgabe (Nr.36 vom 31.August 2009) nachzulesen.
Profil: Sie sind der ORF-Mann für alle Fälle: "Winzerkönig", "Tatort"-Kommissar, diese Woche Co-Interviewer im Parteichef-"Sommergespräch". Wie erleben Sie die ORF-Krise?
Krassnitzer: Die Innensicht liefert schon andere Bilder. Ich stehe ja an der Front und bin ein Teil der Wirtschaft, die dem ORF Content liefert. Dort spürt man natürlich die Lähmung und die Orientierungslosigkeit des ORF. Man mag zu Sendungen wie "Lottosieger" stehen, wie man will, aber das war eine erfolgreiche österreichische Serie, die jetzt eingestellt wird. Da fragt man sich schon, warum man dort spart.
profil: Wo sollte man denn sparen?
Krassnitzer: Leider liegt immer noch kein Konzept für den Strukturwandel im ORF vor. Es gibt keinen einzigen Vorschlag, wie das Unternehmen verändert werden soll. Die Politik sagt nicht: Wird es ein neues ORF-Gesetz geben? Einen Rauswurf der Mannschaft? Das ist ein endloses Herumgeeiere. Und die ORF-Spitze wartet wie das Kaninchen vor der Schlange und traut sich nicht, eine Richtung einzuschlagen.
profil: Sie werfen der ORF-Führung also Mutlosigkeit vor?
Krassnitzer: Ich denke, dass ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz durchaus in der Lage wäre, seinen Job gut zu machen. Er geht geschickt mit den Finanzen um; er sollte sich nur gewahr werden, dass er dieses Unternehmen führen muss. Er hat nur eine Chance: Entweder er führt den ORF bis 2011 aus der Krise, oder er geht mit Bomben und Granaten unter - und mit ihm wohl auch der ORF.
profil: Was müsste er also tun?
Krassnitzer: Kein Unternehmen dieser Kapitalstärke kann das Golden-Handshake-Modell nach Gießkannenprinzip durchstehen. Wrabetz muss sich die Kräfte suchen, die er tatsächlich loswerden will. Nur beim ORF gibt es eine Ausschreibung, und jeder, der will, kann gehen. Da sind aber viele erstklassige Journalisten dabei, die dem ORF ein kreatives Rückgrat geben. Und was bleibt übrig? Die Sesselpupser und weißen Elefanten, die nur darauf warten, dass es den nächsten Regierungswechsel gibt, damit sie beim nächsten Arsch wieder rausschauen können.
profil: Soll auch die Zahl der ORF-Direktoren reduziert werden?
Krassnitzer: Die Anzahl der Direktoren muss man kürzen, um den ORF effizienter führen zu können und sich weiße Elefanten zu sparen. Außerdem erscheint es mir zweifelhaft, einen Aufsichtsrat mit 32 Leuten zu haben. Das produziert nur viele Zurufe und keine klare Linie. Es wäre sinnvoller, einen schmalen Aufsichtsrat ohne Betriebsräte zu schaffen.
profil: Wie inkompetent geht die Politik mit demORF um?
Krassnitzer: Sie macht das Unternehmen kaputt. Offenbar ist das eine klassische Strategie bei staatsnahen Unternehmen - wie wir es gerade bei der AUA erleben. Der ORF steuert auf ein ähnliches Debakel zu. Aus allen politischen Richtungen wird er sturmreif geschossen.
profil: Welche Absicht vermuten Sie dahinter?
Krassnitzer: Offenbar soll ein ORF-Kanal verkauft werden. Dann wäre aber das Unternehmen tot. Denn was soll man auf dem einen Kanal noch senden? Nur noch klassisches Infotainment und ein paar Dokumentationen? Oder nur amerikanische Serien? Österreichische Produktionen haben viel mehr Zuseher. Gefällt Ihnen Hansi Hinterseer oder Brad Pitt besser?
profil: Brad Pitt natürlich.
Krassnitzer: Das zeigt, dass Sie schlechten Geschmack haben. Die Mehrheit der Österreicher bevorzugt Hinterseer. Der bringt wirklich Quote.
profil: Weil er im Hauptabendprogramm gespielt wird. Anspruchsvolle Filme oder Dokumentationen werden ins Nachtprogramm verräumt.
Krassnitzer: Eigentlich müsste sich der ORF aus der Quotenhörigkeit verabschieden. Natürlich legitimiert die Quote bis zu einem gewissen Grad öffentliche Gelder. Ich sehe auch gern Pasolini-Filme, aber ich glaube nicht, dass es tragbar wäre, "Die 120 Tage von Sodom" in Endlosschleife abzuspielen. Da hätten wir nicht viele Zuseher.
profil: Also ist es in Ordnung, wenn Qualitätsprodukte im Nachtprogramm verräumt werden?
Krassnitzer: Man kann doch auf einem Kanal etwas Qualitatives und auf dem anderen etwas für die breite Masse spielen. Das könnte etwa ein mögliches Zukunftskonzept sein. Der Letzte, der sich im ORF aber getraut hat, derart konzeptiv und unternehmerisch zu denken, war Gerhard Zeiler. Der hatte einen Plan.
profil: Sie haben mehrere Punkte für einen ORF neu aufgezählt. Machen diese den so genannten Bildungsauftrag des ORF aus?
Krassnitzer: Es hätte ja keinen Sinn, aus dem ORF einen Schulfensehsender zu machen oder wieder Russisch-Lektionen auszustrahlen. Das geht heute nicht mehr in der Stringenz wie in den sechziger Jahren. Aber man kann etwa Dokumentationen zeigen. Der ORF hat sich derzeit völlig aus dem Dokumentarfilm verabschiedet: Er finanziert sie nicht mit und zeigt sie nur auf Feigenblatt-Plätzen. Oder man kann eigene Produktionen zeigen. Aber aufgrund seiner Budgetsituation hat der ORF überhaupt keinen Planungszeitraum mehr.
profil: Die Finanzsituation kam ja nicht überraschend. Der ORF hat eine sehr teure Struktur, die Bundesländerstudios sind kostspielig. All das weiß man seit Jahren.
Krassnitzer: Stimmt schon. Für das Bundesländerfernsehen gäbe es aber eine elegante Lösung. Wir senden auf neun digitalen Sendern, die jeder empfangen kann, neunmal dasselbe. Da wirst du verrückt. Ich verstehe nicht, warum dort die Eigenproduktionen nicht verwertet werden.
profil: Dagegen würden die Landeshauptleute protestieren, weil sie dann nicht mehr ihre Exklusivberichte über die Eröffnung neuer Fußgängerzonen bekommen würden.
Krassnitzer: Vom Landeshauptmannfernsehen sollten wir uns endlich verabschieden. Ich bin ja nicht naiv und glaube an einen entpolitisierten ORF. In einem Land, in dem es sogar Autofahrerklubs von ÖVP und SPÖ gibt, wird die Politik immer auch im Fernsehen mitmischen. Alles andere ist nur eine schöne Utopie.
profil: Sie agieren hier mit Zurufen an die ORF-Spitze. Hätten Sie durch Ihr Nahverhältnis zu Wrabetz nicht auch die Chance, ihm auch persönlich Ihre Sicht der Dinge darzulegen?
Krassnitzer: Natürlich könnte ich auch den österreichischen Weg gehen: den Weg des Mauschelns und des Tricksens, um hinterrücks in irgendwelche Darmwindungen zu gelangen. Der ORF ist es aber wert, öffentlich diskutiert zu werden. Sonst sind wir irgendwann so weit, dass in diesem Sender nichts mehr läuft als 24 Stunden Politiker-Palatschinkengesichter.
Das ganze Interview, das Stefan Grissemann und Eva Linsinger mit Harald Krassnitzer geführt haben, ist in der aktuellen profil-Ausgabe (Nr.36 vom 31.August 2009) nachzulesen.
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